Livemusik gesucht

12. März 2011 von Timm Nüchter

Das Podium des MedienMittwochs vom 9. März 2011

Zum etwas sperrigen Thema “Ich bin ein Star - Holt mich hier rein / Livemusik-Szene in FrankfurtRheinMain” hat sich eine illustre Schar an Podiumsteilnehmern beim MedienMittwoch eingefunden, die als Clubbetreiber, Konzertveranstalter und Musikjournalisten intime Einblicke in das Geschehen mitbringen. Frank Diedrichs Club Das Bett passt dabei bestens zum Anlass und ist gut gefüllt.

Gleich zu Beginn gibt es eine Entschuldigung: Moderator Chirstian Arndt (VUT-Mitte), der gekonnt durch den Abend leitet, gesteht: “Ja, das Motto ist blöd …”

Stimmt! Bezieht sich aber nur auf den ersten Teil des Mottos. Das Thema “Livemusik-Szene in FRM” bewegt die Anwesenden und wird aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet. Über einen Punkt sind sich dabei alle schnell einig. Bei großen Veranstaltungen hat Frankfurt kein Problem. Mit der Festhalle und dem Waldstadion gibt es zwei Locations, die absolut konkurrenzfähig sind. Wenn große Acts dann mal doch nicht nach Frankfurt kommen, dann liegt das eher an terminlichen Einschränkungen der Festhalle, deren Belegungsplan durch die vielen Messetermine stark begrenzt ist.

Die wirklichen Probleme liegen an anderer Stelle. Dirk Eisermann von Shooter Promotions bringt es auf den Punkt: “Frankfurt ist eine kleine Stadt. Zu Großveransaltungen kommen überregionale Besucher und füllen die Hallen. Für kleine und mittlere Veranstaltungen ist das Einzugsgebiet begrenzt, weil die Einwohner des Rhein-Main Gebiets eher lokal denn regional denken.” Außerdem fehlt es an Veranstaltungsorten im mittelgroßen Segment (2.000 Gäste). Hier stellt Wiesbaden mit seinem Schlachthof und Darmstadt mit der Centralstation eine schier übermächtige Konkurrenz. Und die wird durch eine indirekte Subventionierung der Veranstaltungsorte durch die öffentliche Hand noch gefördert, wie Ralf Scheffler von der Batschkapp bemängelt: “Die öffentliche Hand macht auf lange Sicht die privaten Veranstalter kaputt.” Die daraus resultierenden höheren Gagen sind schwer zu toppen.

Aber warum kommen vielversprechende Bands und Newcomer so selten nach Frankfurt? Nur an der Gage kann es nicht liegen. Ioannis Panagopoulos von der Konzertagentur Wizard Promotions meint, dass Frankfurt bei Trendthemen eher schlecht abschneidet: “Bis der Groschen fällt, dauert es in Frankfurt länger als anderswo.” Es gibt einfach weniger experimentierfreudiges Publikum, die Hallen sind nur halbvoll. Da schickt das Management die Bands lieber in die sogenannten Medienstädte Berlin, Hamburg, München oder Köln wo auch bei kleinen Publikumszahlen mit einer breiteren Berichterstattung zu rechnen ist. Sowieso sei die Vielfalt der Medienberichterstattung im Rhein-Main Gebiet eher zweidimensional. Die Fokussierung von Leitmedien wie dem HR auf Mainstream beschert den Nischensparten ein defakto Radio-Vakuum. In Baden-Würtemberg sieht es da schon ganz anders aus. Der SWR berichtet intensivst über neue Musikrichtungen und beobacht insbesondere die Mannheimer Szene genau. Die hat es ja auch u.a.dank der Söhne Mannheims, Xavier Naidoos und der Pop Akademie zu überregionaler Bedeutung gebracht.

Christian Arndt wirft die Frage in den Raum “Braucht Popmusik denn überhaupt Förderung?” Auch hierzu herrscht Einigkeit: Veranstaltungsorte sollen nicht gefördert werden. Hier müssen die Kräfte des freien Marktes walten und ihre Wirkung zeigen. Unterstützungen brauchen aber die Bands, um leichter aus den Pötten zu kommen; z.B. in Form von ausreichend Proberäumen. Diese Infrastruktur kann die Basis befeuern und neue Impulse setzen.

“Wenn Ihr Chef wärt, was würdet Ihr für die Livemusik in Frankfurt tun?”

Damit ist die letzte Diskussionsrunde eingeläutet. Markus Gardian (Markus Gardian Booking) Frank Diedrich (Inhaber “Das Bett”) sieht hier die öffentliche Hand in der Pflicht, durch weniger Förderung der städtischen Bühnen eine ausgewogene Konkurrenzsituation bei den Veranstaltungsorten zu schaffen. Eher sollte die Sub- und Untergrundkultur eine Förderung erfahren … das stößt allerdings auf den trockenen Kommentar des Batschkapp-Haudegens Ralf Scheffler: “Man kann eine Untergrundkultur nicht fördern. In diesem Augenblick ist sie tot. Die Clubkultur muss selbst sehen, wie sie durchkommt. Wenn Förderung, dann Förderung der Bands!” Der Szenekenner Detlef Kinsler vom Journal Frankfurt schlägt in die gleiche Kerbe und fordert einfach weniger Lamentieren und dafür mehr Eigeninitiative. Interessant übrigens: Detlef will NICHT mit Petra Roth tauschen ….

Was nach der Runde bleibt, ist ein besseres Verständnis für die aktuellen Tendenzen in der Frankfurter Szene. Und: Jammern hilft nicht. Machen, Initiative zeigen und zumindestens in Frankfurt die indirekte Förderung reduzieren.

Nach der Podiumsdiskussion gibt es eine doppelte Zugabe in Form der Auftritte von Franz Fischer und Alison Degbe. Franz Fischer packt dabei ausgewählte Hits der Neuen Deutschen Welle in ein ausgefallenes, minimalistische Klanggewand. Wirklich hörenswert!
Rauchige Stimme, poplastiger Soul und eine wahnsinns Bühnenpräsenz: sie singt 4-5 Songs und wird dabei leider nur von CD begleitet. Danach aber ist die Begeisterung groß. Alison Degbe hat das Publikum vollkommen in ihren Bann gezogen. Das finale Encore: ein Duett von Alison und Franz!

Mehr Fotos von den Auftritten gibt es auf www.stonebreaker.de
Franz FischerAlison DegbeAlison Degbe und Franz Fischer beim MedienMittwoch