Erinnerungen an den 100. MedienMittwoch - und die 106 vorherigen
Mittwoch, November 3rd, 2010Das Jubiläum des 100. MedienMittwochs war Anlass, sich dem Thema „Erinnern und Vergessen“ zu widmen. Prof. Viktor Mayer-Schönberger schilderte an einigen drastischen Beispielen, welche Folgen das im Internet angelegte Nicht-Vergessen haben kann: Ein Kanadier, der nach Jahren des berufsbedingten Pendelns in die USA keine Einreiseerlaubnis mehr erhält, weil er im Internet seine in den sechziger Jahren gemachten Erfahrungen mit Drogen dargestelt hatte, eine angehende Lehrerin, die ihren Beruf nicht ausüben kann, weil ihr die grundsätzliche Charaktereignung zum Umgag mit Kinder abgesprochen wird - Basis war ein auf einer Kostümparty zu Studentenzeiten aufgenommenes Bild, das sie als „betrunkenen Piraten“ zeigt. Mayer-Schönerger erklärt, dass Vergessen und die Fähigkeit zum Vergessen für die Entwicklung von Gesellschaften von elementarer Bedeutung ist, nicht zuletzt, weil es neuen Generationen das friedliche Zusammenleben ermöglicht, zu dem die Elterngeneration nicht in der Lage war.
Sein Vortrag bot viele Anknüpfungspunkte für Diskussionen: Da ist die Fragen nach Medienkompetenz (was zeige ich wem im normalen Leben und wem im www) - In amerikanischen Unis werden Erstsemester unterwiesen, welche Reichweite Infos in sozialen Netzwerken wie Facebook haben. Da sind die Studenten allerdings schon sechs bis acht Jahre in diesen Communities unterwegs; Aufklärung müsste also viel früher beginnen. Da sind die philosophischen Dimensionen - was darf, was muss eine Gesellschaft vergessen? Da sind gesellschaftliche Dimensionen - wie geht eine Gemeinschaft mit vermeintlicher Normabweichung um, wie behandelt sie Straftäter, die im Gefängnis gesühnt haben, wenn diese in der Nachbarschaft leben? Und es stellen sich Fragen nach den Dimensionen des digitalen Archivierens und der Analyse: Während einserseits Google und Facebook astromisch große Datenmengen nicht nur sammeln, sondern auch anlaysieren, ist das Individuum von der schieren Masse an Informationen schnell erschlagen. Dr. Helmut Gold, Direktor des Museums für Kommunikation, wieß in seiner Begrüßung auf diesen dialektischen Zusammenhang zwischen den Möglichkeiten des digitalen Erinnerns und das dadurch systemisch angelegte Vergessen hin, indem er Hans-Magnus Enzensberger paraphrasierte: Der habe gesagt, dass die Flut privater Bilder für die jeweiligen Individuen die Folge haben werde, dass die Erinnerung an bestimmte Bilder unauffindbare würde.
Dis Diskussion nach dem etwa 50 minütigen Vortrag war zum Teil kontrovers, zum Teil ideologisch geprägt, auf alle Fälle lebhaft und ebenso interessant wie der Vortrag. Beides zu sehen unter
http://www.metrostream.eu/kunden/medienmittwoch/
Viktor Mayer-Schönberger breitet das Thema in seinem soeben in deutscher Sprache erschienen Buch „Delete - Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten“ aus, das über den MedienMittwoch bezogen werden kann. 35 Prozent des Verkaufspreises (24,90 Euro) gehen an die Stiftung MedienMittwoch. Einfach mail an weaubeau-pr@wobo.info.
Wir haben im Museum für Kommunikation, das uns bereits zum vierten Mal für die Durchführung eines MedienMittwochs als Location zur Verfügung gestellt wurde, einen interessanten Abend mit einigen Reminiszenzen verbracht und beispielsweise an die Anfänge des MedienMittwochs erinnert, der vor nunehr über acht Jahren von Wolfgang Borgfeld, Robert Breithaupt, Harald Metz, Matthias Müller, Fabian Schiffer, Manuela Schiffner Torsten Waack und Jörg Weber gegründet wurde.
Das Team des MedienMittwochs hat sich im Lauf der Jahre gewandelt, zum Teil, weil die Berufswege ein Engagement nicht mehr zu ließen, zum Teil, weil es das Schicksal so wollte: Robert Breithaupt starb im Februar 2004 mit gerade 54 Jahren. Zum Jubiläum reiste seine Tochter Angelina an, die als Geschäftsführerin des
Forschungsschwerpunkt Medienkonvergenz an Johannes Gutenberg-Universität (JGU) in die Fußstapfen Ihres Vaters getreten ist. Wir haben uns sehr über ihre Teilnahme gefreut. Fabian Schiffer arbeitet seit einigen Jahren in Neumark in der Oberpfalz und hatte zur Feier des 100. MedienMttwochs den Weg nach Frankfurt auf sich genommen, was uns ebenfalls sehr gefreut hat.
Der ersten MedienMittwoch im Januar 2002 in der IHK Frankfurt mag einige Gäste irritiert haben, denn der ehemalige Titanic-Chefredakteur Hans Zippert wählte einen zwischen Satire und Klamauk changierenden Ansatz, um seinen ganz persönlichen Rück- und Ausblick der Medienentwicklung vorzustellen. Bei einem unserer Formatwechsel und Serverumzüge ist diese Information und die Vistenkarte von Hans Zippert auf der Website verloren gegangen - so hat auch der MedienMittwoch seine eigenes digitales Vergessen und Erinnern…
Wir waren in Oestrich, in Darmstadt, in Mainz, in Bad Homburg und Bad Vilbel, in Offenbach und Oberursel, im Rathaus Wiesbaden und im Fernbahnhof des Frankfurter Flughafens, im Schloss Phlippsruhe in Hanau und im Schloßgarten von Biebrich, in dem Harald Metz Open-Air-Kino organisierte, ich mich aber vor allem an das 1:0 im WM-Spiel gegen Polen erinnern kann, das wir gemeinsam im Schloss sahen. Neun Monate vorher waren wir in der Commerzbank Arena und hatten den Faktor Fußball thematisiert.
Über 400 Referenten und Moderatoren haben uns an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, jeder hat da so seine eigenen Erinnerungen. In meinen findet sich Fritz Rau, der aus seinem mit Geschichten prallvollen Leben als Konzertveranstalter und Promoter von Musikern erzählte und wir uns in der Fülle von Anekoten den Moderator hätten gut sparen können, Prof. Dr. Peter Kruse, der von den prägenden Erlebnissen der Kindheit berichtete und davon, das später in der Regel nur Traumata oder Liebe diese Prägungen aufbrächen, wobei beides oft Hand in Hand ginge. Ich erinnere mich an Hermann Vaske im Gespräch mit Malcolm McLaren, auch im Museum für Kommunikation, und Ralf Langwost, der uns im Velvet Club von den Geheimnisse der effektivsten kreativen Kampagnen Europas erzählte. Und so schließen sich Assoziationen an: Auch im Velvet sahen wir die Bilder, die Ulrich Mattner in Büros, Gängen und nicht zuletzt auch Toiletten der Frankfurter Finanzwirtschaft aufgenommen hatte, und hörten, wie seine grippal angegriffene Stimme immer rauher wurde, bis dann Eva Maria Magel ein Gespräch mit dem dann vollends verstummten Fotografen führte….
Wir möchten uns an dieser Stelle bei all denen bedanken, die uns seit nunmehr neun Jahren unterstützen, zuvorderst natürlich bei Hessen IT, der Aktionslinie des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung für den gesamten Informationstechnologie- und Telekommunikationsmarkt in Hessen, dann bei der Hassia Gruppe, Nespresso-Deutschland und Velo-Taxi, nicht zuletzt aber auch bei den Sponsoren, die uns ihre Säle, Räume und Bühnen zur Verfügung gestellt haben - zuvorderst bei der IHK Frankfurt, bei der wir in guter Regelmäßigkeit Gast sein dürfen.
An dieser Stelle auch einen herzlichen Dank an Conny Peil, der mit großer Wahrscheinlichkeiten derjenige ist, der die meisten Veranstaltungen des MedienMittwochs gesehen hat - seine Fotos können es bezeugen! Und an Siham Mokthari, die jetzt schon seit vielen, vielen Monaten mit großer Freundlichkeit unsere Gäste am Eingang begrüßt und mit ebensolcher Rhe die Namensschilder verteilt, die uns beim Networking die Ansprahe erleichtern helfen. Wolfgang Borgfeld