Arbeiten in der Wolke - ein wenig nebulös
Dienstag, Februar 15th, 2011„Jetzt hat mir Google das Internet“ erklärt, flüsterte ich meinem Kollegen zu, als Lars Lehne ansetzte, seine Ausführungen zum Arbeiten in der Wolke zu beenden: Was Cloudcomputing genau ist und worin die Vorteile liegen, blieb, mit Verlaub, nebulös. Dass wir auf Daten und Programme zugreifen, die auf externen Rechnern liegen, dass ein Smartphone nicht all die Programme und Applikationen in seinem Chip gespeichert hat, sondern diese von externen Servern nach Bedarf lädt, das hatten wir mindestens geahnt. Wer heute mobil arbeitet, greift längst fortwährend auf externe Daten zu - man loggt sich im Server seines Unternehmens ein und hat dort Zugriff auf die jeweils freigegebenen Arbeitsbereiche. Wo ist also das „Neue“?
Lars Lehne ging die Sache recht hemdsärmlig an und schilderte sehr persönlich den eigenen Umgang mit den Angeboten. Ob der dauernden Fixierung auf digitale Kommunikation und virtuelles Miteinander nimmt das zwischenmenschliche Verhalten authistische Züge an - bei Meetings starren alle nur auf Ihre Monitore und Handys. Schilderungen wie diese wirkten authentisch und verschafften Lehne Sympathie: die Mitarbeiter von Google sind offensichtlich keine ferngelenkten Erfüllungsgehilfen des Internetmolochs. Gleichwohl war dieser Ansatz trotz der Beispiele kolaborativen Projektmanagements dem Thema und der Location nicht angemessen. Rund 400 Gäste waren in die IHK Frankfurt kommen, um sich über das Thema informieren zu lassen. Und viele hatten hiebei sicher auch ein Interesse, das Thema auf unternehmerischen Nutzen abzuklopfen. Die Frage, welches Angebot Cloudcomputing im allgemeinen und Google im Besonderen denn den Millionen klein- und mittelständischen Unternehmen machen könne, blieb Lehne weitgehend schuldig: Der Verweis, dass man künftig die IT-Abteilungen einsparen könne, weil ja alles von Google betreut werde, war dann doch ein bisschen zu schlicht.
Es verwundert, dass Lehne das Potenzial der vemeindlichen Innovation für Unternehmen so wenig herausgearbeitet hat und die in diesem Zusammenhang unausweichlichen Fragen nach der Sicherheit nicht offensiv anschnitt. Geht das, Banken in der Cloud? Angesichts seiner Wachstumsprognosen hätte ich erwartet, dass der zu erobernde Markt mehr umworben und mit deutlicheren Signalen gereitzt werden würde. Nebenbei bemerkt wurde Lehnes Optimismus von Besuchern des MedienMitwochs mit Hinweis auf ganz andere Zahlen von Unternehmensberatungen auch nicht geteilt. Alles doch nur eine saisonale Mode?
Ein Kenbereich in Lehnes Vortrag war die Darstellung des gemeinsamen Zugriffs auf und des gemeinsamen Arbeitens an einzelnen Dateien. Eine Präsentation entsteht unter Mithilfe vieler, ein Kalender wird gemeinsam geführt. Das ist durchaus interessant, kann sogar sehr hilfreich sein, aber ist es Cloud-Computing?
Und dennoch war der Abend sehr aufschlussreich. Nicht etwa weil er zeigte, dass auch ein Vertreter von Google nicht vor dem Albtraum aller Präsentatoren gefeit ist und erleben muss, wie eine Demo nichts demonstriert. Sondern vielmehr, weil er Einblicke in ein Unternehmen gab, das offenbar die Themen Transparenz und Zusammenarbeit nachdrücklich und mit äußerster Konsequenz in seine Corporate Identity eingearbeitet hat. Wenn der persönliche Kalender für jeden offen und Teamarbeit erwünscht ist, muss man seine Freizeiten konsequent definieren, um nicht fremdbestimmt zu werden. Da regte Lehne mit zwei drei kleinen Anekdoten das Nachdenken an, wie Unternehmen beschaffen sein müssen, um diese Tools produktiv einsetzen zu können, welcher Veränderungen es in der Unternehmenskultur bedarf und wo überhaupt dieses Angebot an Kolaboration sinnvoll genutzt werden kann - am Ende dann vielleicht doch nur in Agenturen?
Diese Diskussion müssen wir dann an einem anderen MedienMittwoch führen. Wenn wir dies tun, werden wir von unseren eigenen Erfahrungen berichten können. Denn wir wollen diese Form des transparenten Zusammenarbeitens mal ausprobieren - für eine Organisation wie die des MedienMittwochs, an der zehn Individuen digital vernetzt zusammenarbeiten, scheinen die Angebote ideal.