Moral und Wirtschaft: Von Regeln und Sanktionen
Mittwoch, März 17th, 2010Ein im besten Sinne typischer MedienMittwoch: ein komplexes Thema wurde in vielen Facetten hinterfragt, von vielen Seiten beleuchtet. Das Publikum folgte konzentriert den Ausführungen, jeder konnte selbst überprüfen, welchen Stand der Diskurs hat und wie die Statements auf dem Podium die eigene Meinung spiegeln.
In der Fülle an interessanten Beobachtungen und Einsichten mag mancher retrospektiv den Eindruck gewonnen haben, das Podium habe sich um die Beantwortung der Frage herumgemogelt. Allein: So deutlich und plakativ die Frage als Einladung gestellt war, so wenig konnte sie am MedienMitwoch in der IHK Frankfurt beantwortet werden - „Moral und Wirtschaft: Geht das je zusammen?“ ließ nur viele kleine Antworten zu, von denen die von Publicis-CEO Volker Selle, man müsse doch immer wieder bei sich selbst beginnen, ebenso banal wie fundamental war.
Eine Gesprächsrunde, die mit Publikumsfragen gut 90 Minuten dauert und trotz Spielfilmlänge eher eine Abfolge vieler kleiner Kurzgeschichten ist, kann man sich nicht als Ganzes in Erinnerung behalten. Aber ein paar Momentaufnahmen werden einem im Kopf bleiben. Wie die von Michael Proft, der betonte, dass das Thematisieren der Frage „Moral und Wirtschaft“ bereits ein Indikator dafür sei, dass die Antwort „ja“ lauten werde. Und wenn das zutrifft, dann kann der MedienMittwoch so schlecht nicht gewesen sein.
Wer nachschauen will, wie die Runde sich zu verschiedenen Fragen verhalten hat, kann dies auf
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sehr gut tun: Hier ist das Gespräch durch einige Kapiteltrenner in leichter verdauliche Happen aufgeteilt worden.
Einige Highlights habe ich hier noch mal zusammengefasst.
Regeln und Sanktionen spielten durchgängig eine Rolle. Wer stellt Regeln auf? Und wer umgeht sie? Professor Wiemeyer wies auf den Wall-Street-Komplex, der nicht nur deswegen so genannt wird, weil viele Wallstreet-Investmentbanker amerikanische Finanzminister wurden und die Wallstreet so auf die Regelbildung Einfluss nehmen konnte. Aber egal, wer die Regeln aufstellt, gehe es auch immer um die Frage, wer sie befolgt oder umgeht: Werden Regeln als Freiheitsbeschränkung verstanden, werden sie schnell und gut umgangen. Wiemeyer nennt als Beispiel die Abgeltungssteuer: Kaum verkündet, gab es schon die ersten Kampagnen, wie sie am besten zu umgehen sei.
Unternehmensberater Proft merkt an, dass der Ruf nach Regeln zu kurz greift: Regelwerk heiße nicht ausschließlich gesetzliche Rahmenbedingungen. Regeln bestimmten das Handeln eines Managers, wenn ein CEO die Aufgabe habe, ein Untenehmen voran zu bringen, habe er die Aufgabe, den Gewinn zu maximieren - auch das sei eine Regel. Wie diese nun ausformuliert sei und mit welchem Instrumentarium sie umgesetzt werde, hänge vom Unternehmen ab. So seien Managergehälter und Boni Steuerungsinstrumente für das Verhalten eines Managern. Seien diese auf kurzfristige Optimierung ausgerichtet, werde das Ergbnis keine Nachhaltigkeit sein. Proft merkte an, dass ein Unternehmer, der sein Geld, möglicherweise das Familienvermögen investiert habe, dies sicher anders bewerte und langfristiger denke.
Die Publikumsfrage, ob es moralisch sei, oben Boni zu zahlen und unten Mitarbeiter zu entlassen, würde dies indirekt beantworten: moralisch sicher nicht, aber regelkonform.
Und wenn Regeln gebrochen werden, drohen Sanktionen. Doch wie wirksam sind diese? In Schweden hat man offenbar einen Weg gefunden, der Konzernmanager ebenso „kneift“ wie normale Lohnempfänger: Dort, so erzählt Klaus Methfessel, werde bei Verkehrsdelikten die Strafe am Einkommen bemessen. So habe ein Ericsson-Manager einmal für zu schnelles Fahren 150.000 Euro bezahlen müssen.
Publicis-CEO Selle wurde nach der Verbindung von Moral und Werbung gefragt und reagierte fast belustigt auf die mitschwingende Konotation der Unmoral: „Unmoralische Sachen können wir nicht moralisch verpacken!“ Der Konsumenten merke, was anständig sei und was nicht.
Wie komme es nun zu einer Kampagne wie „Geiz ist geil“? Selle reflktiert ein Stück Werbegeschichte und verortet die Kampagne in der Gesellschaft: Werbestrategen deckten versteckte Insights auf und machten diese nutzbar. Ein Unternehmen könne nur so unmoralisch sei, wie die Gesellschaft. Somit sei die Kampagne Ergbnis der Gesellschaft - wenn Geiz ein Wert in der Gesellschaft darstelle, dann funktioniere auch die Kampagne.
Natürlich ist die Gesellschaft nicht statisch, sie ist Einflüssen unterworfen. Journalist Methfessel weist auf die postmoderne Gesellschaft hin, in der Individualismus sehr stark ausgeprägt sei und in der heute Einzelinteressen, die gut organisiert sind, überhand nähmen. So seien heute politische Entscheidungen oft Folge von Lobbyismus. Jüngstes Beispiel sei der „Subventionstatbestand“ der gerade erst angetretenen neuen Bundesregierung. Mit Kosten von rund einer Mrd Euro werde eine kleine Berufsgruppe gefördert, auf der anderen seite müssten Kommunen Kindergärten mangels Finanzen schließen. Dies werde nicht nur dazu führen, dass das Vertrauen in die Politik schwinde, es sei auch ein „Verstoß gegen wirtschaftliche Ordnungspolitik“.
Methfessel fordert eine „Renaissance der Ordnungspolitik“, sieht aber auch Unternehmen in der Pflicht: Diese müssten gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Der Leiter der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten fordert ein Ende der seit den fünfziger Jahren bestehenden Arbeitsteilung, in der sich die Politik um die Politik, Moral und Gesellschaft kümmert und die Unternehmer nur das Geschäft im Blick haben. „Deswegen findet man in der Politik keine Unternehmer und in den Unternehmen nur abgehalfterte Politiker.“ Unternehmen seien heute gefordert, sich für das große Ganze zu engagieren und nicht nur für einzelne CSR-Projekte. Es sei wichtig, Veranstwortung für die gesamte Gesellschaft wahrzunehmen, sich dieser Verantwortung zu stellen und so die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden.
Nur wer soll diese Verantwortung übernehmen? Spielen denn ethische Fragen bei der Besetzung von Toppositionen eine Rolle? Proft: „Explizit nicht.” Implizit seine diese Dinge schon vorhanden - nur seien sie abhängig von der jeweiligen Unternehmenskultur.
Der Manager müsse in die Kultur des Unternehmens passen.
Wenn diese jedoch am Shareholder-Value ausgerichtet sei, so sei dies problematisch, betont Professor Wiemeyer, der zurück zur Stakeholder-Orientierung möchte: „Das
Shareholder-Value aus den USA zu übernehmen war ein Irrtum.“ Unternehmensethik müsse in allen Ebenen des Personals gelebt werden und fester Bestandteil der Personalführung sein. Es reiche nicht, dem Global Compact beizutreten und die fundamentalen Prinzipien zu unterschreiben, und dann Abermillionen zur Korruptionsbekämpfung auszugeben. Wiemeyer schnitt die enormen Transaktionskosten an, die „dieser Konzern in München“ aufzubringen hat. Hier sei grundsätzliche Schulung gefordert, nicht der Einsatz von hunderten Menschen, die kontrollierten, was andere machen.
Zum Schluss nahm das Gespräch noch mal richtig Fahrt auf, als aus dem Publikum angemerkt wurde, ein Konzern wie Siemens habe keine andere Wahl gehabt, als durch Korruption an Aufträge zu kommen.
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Digitale Grüße,
Wolfgang Borgfeld