„Einladen, ermutigen, inspirieren“
Donnerstag, Oktober 20th, 2011„Einladen, ermutigen, inspirieren“ - Gerald Hüther hat beim 118. MedienMittwoch genau das auf beeindruckende Weise gemacht: Sein 45 minütiger frei gehaltener Vortrag und der anschließende Dialog mit den rund 250 Gästen band die Zuhörer immer wieder ein, war mitreißend - wann sieht man schon mal einen Professor, der einen Lachs auf dem Weg zum Laichplatz spielt -, machte Mut, eingefahrene Denkmuster zu überprüfen, neue Erfahrungen zu machen und so zu neuen Haltungen zu kommen, und inspirierte - sonst würden diese Zeilen hier nicht stehen.
Begeisterung
Hüther beschäftigt sich als Neurobiologe damit, wie sich das Gehirn entwickelt, und stellt seine Erkenntnisse den alltäglichen Methoden des Lehrens in Kindergarten und Schule gegenüber. Die dort zu beobachtende Praxis begeistert ihn nicht, schlimmer noch: sie kann die Kinder nicht begeistern. Begeisterung aber ist eine Grundvoraussetzung, um Potenziale wirklich und umfassend zur Entfaltung bringen zu können.
Lernen
„Ich bin auf dem Land groß geworden, in einem Mühlendorf. Und wissen Sie, was das besten an der Kindheit war: Die Erwachsenen hatten keine Zeit!“ So konnten die Kinder ihre Erfahrungen machen, lernten ihre Grenzen kennen und auch, wie sie diese erwetern konnten, sich selbst zu organisieren, lernten, dass es sich lohnt, kreativ zu sein. Diese Erfahrungen stehen den heutigen Prinzipien frühkindlicher Erziehung diametral gegenüber: Kaum im Kindergarten werden die Kleinen mit Programmen versorgt, die a) Erwachsene für bedeutsam halten, nicht die Kinder, und die b) Neugierde und damit den eigenen Lernantrieb ausschalten. Die Kinder werden zu Menschen erzogen, für die Lernen eine Konsumhaltung ist. So versteht es sich fast von selbst, dass Hüther die Frage nach dem besten Kindergartenprinzip mit „Waldkindergarten“ beantwortete - hier lernen Kinder, sich selbst zu erfahren und werden gefordert, ihren Tag selbst zu gestalten.
Was ist bedeutsam, was nicht?
Ob etwas bedeutsam ist oder nicht, kann eigentlich jeder nur für sich beantworten. Kinder haben das Problem, dass Erwachsene Dinge für bedeutsam halten, die Kinder gar nicht bedeutsam finden - und dann doch machen. Zum Beispiel bei Tisch ruhig sitzen. Hier habe ich gedacht „stimmt“ und hätte mich in Kenntnis kindlichen Bewegungspotenzials dann doch gerne mit Hüther weiter über die Entwicklung der Zivilisation und alterative Modelle des Zusammenlebens unterhalten. Ich vermute, wir hätten uns dann noch etwas ausführlicher über ein menschliches Grundbedürfnis gesprochen, das Hüther als „Verbundensein und frei“ beschreibt und für das es noch kein gesellschaftliches Modell gebe.
Haltung
Beim Schreiben über den Vortrag arbeitet meine Erinnerung assoziativ: Ich denke an das kindliche Verhalten und erinnere mich an Hüthers Ausführungen zu Haltung. Haltung sei etwas, das man duch viele entsprechende kognitive und emotionale Erfahrungen erwerbe. Verhaltensänderungen seien Verhaltensänderungen, sie führen aber nicht zu veränderter Haltung! Auch wenn man diese ändern wolle, werde das nicht von allein gelingen. Voraussetzungen seien neue, positive Erfahrungen - und diese auch so häufig und zuverlässig, dass sie sich zu einer Haltung manifestieren könnten. Man müsse verstehen, wo man herkomme, um seine Haltung ändern zu können. Und hierzu seien neben den kognitiven Erfahrungen vor allem auch emotionale Erfahrungen wichtig.
Das Almprojekt
Hüther wurde auf sein Almprojekt angesprochen, bei dem er Jungen mit der Diagnose „ADS“ (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) einen Sommer lang auf einer Alm versammelte, um diese zu bewirtschaften. Zusammengefasst: Das Projekt war ein Erfolg, das auch noch Monate später bei Familienkrisen und in der Schule Wirkung zeigte. Doch wenn man wie die Pharmaindustrie für eine wissenschaftliche Auswertung eine „Doppelblind-Placebobasierte“ Studienanlage voraussetze, sei eine wissenschaftliche Auswertung unmöglich.
Gemeinsames Essen gehörte auf der Alm zu den Grundregeln: Erst wenn alle am Tisch saßen, durfte gegessen werden. Die Jungen seien um sieben Uhr aufgestanden, aber es habe einmal um neun noch kein Essen gegeben, denn immer wenn einer oder zwei noch fehlende zu Tisch kamen, sei einer aufgesprungen und gegangen: „Da waren die Jungs total aufmerksam, das war ihnen wichtiger als zu frühstücken!“
Muster brechen
Es sind Anekdoten wie diese und konkrete Darstellungen von Erlebnissen und Erfahrungen, die Hüthers Vortrag so lebendig und damit selbst zu einem Erlebnis machen. Im Kern geht es immer wieder darum, einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren. Und das heißt immer auch: Regeln zu hinterfragen, Muster zu brechen. Dazu braucht es Mut. Hüther erzählt die Geschichte von den Lachsen, die nach der Rückkehr zu ihrer Geburtsstätte und dem Ablaichen sterben. Das sei bei den Lachsen so programmiert, sprich: genetisch vorgesehen, wurde lange als biologisches Faktum gesehen. Bis ein Biologe die vermeintliche Tatsache überprüfte und alle Lachse nach dem Ablaichen einsammelte, markierte und zurück ins Meer brachte. Und siehe da: ein Jahr später waren die markierten Lachse wieder zurück an der Stätte ihrer Geburt. Ergo: Die Lachse sterben nicht, weil sie so programmiert sind. „Sie sterben an den Folgen ihrer Vorstellung“, das heißt, am Stress: Der Ort ihrer geburt ist kein Paradies, sondern ein flaches Gewässer mit vielen Lachsen und nichts zu fressen…
Es lohnt sich, Gesetzmäßigkeiten zu hinterfragen. Hüther erzählt von Dänemark, das soviel auf seine gemeinschaftliche und kooperative Erziehung gehalten habe. Und das jetzt feststelle, dass das System eine Generation asozialer Egoisten hervorgebracht habe. Also wurde der dänische Familientherapeut Jesper Juul zu Rate gezogen. Hüther hat ihn gefragt, was er gemacht habe. Juul antwortete, dass es in den Kindergärten immer gemeinsames Esse gegeben habe. Hüther entgegnete, das sei doch gut, was daran verkeht sei? Juul erklärte dies an einem Beispiel: Er habe eine Regel verändert: Jeder können Essen, wann er wolle. Aber nie alleine. das führe dazu, dass die Kinder selbst Gruppen bildeten und Beziehungen aufnähmen: Sie bestimmten sich selbst und seien nicht durch Erwachsene bestimmt.
Einladen, ermutigen, inspirieren
Am Ende nochmal die Aufforderung, einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren eine günstige Erfahrung zu machen.
Wie das nicht zuletzt in der Schule möglich ist, beschreibt Hüther am Beispiel der Evangelische Schule Berlin Zentrum und der Arbeit der Schulleiterin Margret Rasfeld. Die Schule habe die Schüler schlicht gefragt, was ihnen am Herzen liege, was sie machen wollten. Den Schülern lag die Umwelt am Herzen, sie wollten Klimabotschafter werden. Wo sie anfangen wollten?
Na hier, bei sich im eigenen Viertel.
Wie sie das machen wollten?
Hingehen und die Menschen auf Ihre Verfehlungen und ihr klima- und umweltschädliches Verhalten aufmerksam machen.
Und dann würden die Menschen ihr Verhalten ändern?
Nein, das wohl nicht. Man müsste das schon erklären können.
Und dann hätten die Schüler begonnen, sich zu überlegen, was man alles an Rüstzeug mitbringen müsse, um Klimabotschafter zu werden und sich den Fragen der Erwachsenen stellen zu können. Herausgekommen sei ein Curriculum, das das der Schulbehörde übertroffen habe. Und die Schüler hätten sich dran gemacht, die erforderlichen Dinge zu lernen: Biologie, Physik, Chemie, Deutsch. Gestaltung und und und. Weil sie Klimabotschafter werden wollten. Und hätten am Ende eine Prüfung vorgenommen, mit zwei Lehreren und drei Schülern als Prüfern. Und wer bestanden hätte, konnte sich Kimabotschafter nennen.
Schüler wollen lernen. Man müsse ihnen halt eine Begründung geben, warum sie etwas lernen. In der vierten Klasse für die Hochschulzugangsberechtigug zu lernen ist viel zu abstrakt, um als Motivation geeignet zu sein.
Also müssen wir unsere Haltung ändern. Die Frage sei, ob wir selbst dazu in der Lage sind. Hüther verwies darauf, dass Burn-Out sich zur Volkskrankheit entwickle, die Krankheit Depression ständig zunehme. Dies sei das Resultat einer ungesunden Beziehungskultur, in der alles mögliche stattfinde, nur keine Begeisterung. Aber es sei möglich, das zu ändern.
Hüther hat sein Publikum begeistert. Es wäre interessant zu erfahren, was die Zuhörer mitgenommen haben. Schreiben Sie uns!
Hier ein paar interessante Links
http://www.gerald-huether.de/
http://www.sinn-stiftung.eu
http://www.familylab.de/om_jesper_juul.asp
http://www.ev-schule-zentrum.de/
Prof Hüther versucht Netzwerke zu bilden, die den Beteiligten Gelegenheit bieten, ihre unterschiedlichen Kenntnisse und Fähigleiten zusammenfliessen zu lassen. Deshalb ist er Gründungsmitglied verschiedener Netzwerke:
Archiv der Zukunft - Netzwerk für Schulentwicklung, http://www.adz-netzwerk.de
Wissenschaftliches interdisziplinäres Netzwerk für Erziehung und Bildungsfragen,
http://www.win-future.de
Netzwerk für humanitäre Fragen in der Wirtschaft, http://www.forum-humanum.eu