m2 92: Die Spielregeln der Social Networks

12. September 2009 von Dr. Anja Rau

Gestern fand im sachsenhäuser Depot 1899 mit dem 92. MedienMittwoch mal wieder ein “digitaler” MedienMittwoch statt. Die Unterzeile zum Web 2.0-Titel, “Du kommst hier nicht rein” war fast programmatisch: von den netten Bistrotischen im Außenbereich, free drink in der Hand, konnte man ab ca. Viertel vor 7 beobachten, wie die sich die Schlange den Westflügel entlang und dann bis um die Ecke wand. Leider wurde diesmal, anders als sonst, auf die Verkündung der Besucherstatistiken verzichtet, aber als die Einlasskontrolle aufgab und sich die saubere Zweierreihe beim Ansturm auf die offenen Türen auflöste, sah das doch mächtig nach Rekord aus. Zumindest waren alle Sitz- und Stehplätze auf zwei Etagen besetzt und blieben es auch bis zum Schlusswort.

“Du kommst hier nicht rein” muss offensichtlich gar nicht so endgültig und abschreckend wirken, aber in Bezug auf Web 2.0 oder Social Networks scheint es immer noch ganz gut die verschreckte Grundhaltung zumindest der Unternehmen zu beschreiben. Fakt ist, dass sich immer mehr Menschen im Web 2.0 tummeln - und noch mehr das moderne Internet einfach selbstverständlich nutzen, ohne sich über Buzzwords und Mediennutzungstypologien Gedanken zu machen. Nur die Unternehmen stehen wie das dicke Kind mit der Brille am Rand vom Schwimmbecken und schauen traurig zu, während die anderen Spaß haben.

Aber wen wundert’s, wenn allenthalben nur die Gruselgeschichten der peinlichsten #fails kolportiert werden, während Erfolgsgeschichten nebulös und ohne belastbares Datenmaterial daherkommen. So stand auch der aktuelle Lieblingsversager der deutschen Blogger-Szene, Vodafone, für den Großteil des Abends im Zentrum des Geschehens. Ob, wie, warum und wann “Es ist deine Zeit” Kardinalfehler beging oder doch noch zu retten gewesen wäre, wurde in den verschiedensten Konstellationen vom “Beichttisch” bis zum Podium so ausführlich diskutiert, dass die Herren auf der Bühne schließlich vom Publikum vor ihnen und von der Twitter-Wand hinter ihnen bedrängt wurden, doch nun endlich das Thema zu wechseln.

Doch leider hatten die Podiumsteilnehmer über die Vivisektion von Vodafone hinaus nicht mehr wirklich viel, vor allem nichts Kontroverses zu sagen. Einzig Prof. Dr. Ralf Schengber, der die Diskussion auch eröffnen durfte, glänzte mit druckreif formulierten Analysen des Social Marketing Dilemmas und mit punktgenauen Handlungsempfehlungen. Diese Empfehlungen waren durchaus realistisch (und entsprechen dem, was “der Kunde” erfahrungsgemäß zurzeit hören will): der Versuchung nachgeben, den Fuß ins kalte Wasser halten und insgesamt mit Babysteps ruhig vorwärts gehen.

Die anderen Podiumsteilnehmer bliesen weitgehend ins selbe Horn: “Informieren, und nicht verkaufen” - “locker bleiben” (Schengber) - “relevante Informationen zum Unternehmen bringen” - “aus Fehlern lernen und nicht sagen ‘Ich lass es’” (Dr. Holger Schmidt, FAZ) - “Der Punkt eines Gespräches es, dass man aushalten muss, dass einem nicht jeder Beitrag gefällt.” (Kai Hattendorf, Messe Frankfurt) - “lernen” (Alexander Esener, Vodafone).

Das ist alles gut und richtig, aber bei so viel Einigkeit kommt nun mal keine Spannung auf. Ich meine gar nicht, dass man Vodafone krasser hätte vorführen sollen oder dass wir choreografierte Streitgespräche brauchen. Doch gerade der digitale Medienmittwoch ist inzwischen eine so gut eingeführte, professionell organisierte und regelmäßig gut besuchte Veranstaltung, dass man das kleine Risiko deutlich unterschiedlicher Meinungen hin und wieder mal eingehen könnte. Bei einem Prodium aus 100% Alphamännern hätte ich doch ein bisschen mehr Testosteron erwartet … Aber vielleicht erleben wir es ja auch einmal, dass die kompetenten Frauen nicht nur aus dem Publikum und von der Twitter-Wall über die Front aus dunklen Anzügen murren, sondern vorne sitzen und kontrovers diskutieren.

A pro pos Twitter-Wall: Für die notorisch multitaskenden Digital Natives ist es natürlich ein Leichtes, das Podium, die Wall, den eigenen Twitter-Feed und 2-3 E-Mail Konten gleichzeitig im Auge zu behalten. Ich habe nach der Veranstaltung mit etlichen Besuchern gesprochen, die den Zwitscher-Chor an der Wand hinter den Rednern mehr als ablenkend fanden - zumal ein derart prominentes Forum immer dazu reizt, sich mit Pointen und spitzen (Insider-)Bemerkungen zu übertreffen, was dem Gros der Mitleser kaum Mehrwert bietet. Beim Februar-MedienMittwoch in der Deutschen Bibliothek hat Twitter (auch mit Wall) noch besser als Kommentarzeile funktioniert. Da hat sich Tobias Kirchhofer allerdings auch die nicht unbeträchtliche Mühe gemacht, die Fragen und Anmerkungen aus der Twittersphere immer wieder in die laufende Diskussion hineinzutragen. Podiumsteilnehmer und sevenload-Gründer Ibrahim Evsan hat sogar live zurückgetwittert. (Mehr dazu im Blog zum m2 Wer bringt Qualität ins Web? vom 11. Februar 2009.)

Bevor ich jetzt gänzlich in diese typische deutsche Blogger-Haltung des Nörgelns auf sehr hohem Niveau verfalle: der 92. MedienMittwoch war mal wieder eine runde Veranstaltung in einer tollen Location mit zivilen Getränkepreisen (also beste Voraussetzungen für angeregtes Netzwerken im Anschluss an die Podiumsdiskussion). Wer sich ohnehin aktiv mit Social Marketing beschäftigt, hat vielleicht nichts weltbewegend Neues gelernt. Diese Experten waren aber auch nicht unbedingt die Kenzielgruppe des Abends und die Experten auf der Bühne haben sich durchaus gemüht, die praktischen Fragen aus dem Publikum sinnvoll zu beantworten. Interessant zum Beispiel die Frage nach der Erfolgsmessung und der Vorschlag, den ROI nicht unbeding nach verifizierbarer Umsatzsteigerung, sondern aus Kontakten in den relevanten Social Networks, Blog-Postings und Tweets zu berechnen. Darauf über Twitter der Vorschlag von “PickiHH”, statt dem alten TKP als neue Währung THC einzuführen - thousand human contacts.

Und tatsächlich gab es am Ende des Abends den einen odere anderen bekennenden Offliner, der sich nicht nur für das Thema zu interessieren begann, sondern prompt ein eigenes Twitter-Profil eingerichet hat.

Zur intensiveren Nachlese empfehle ich noch #medienmittwoch auf Twitter, die Konserve des zaplive.tv-Livestreams auf medienmittwoch.de oder die ausführliche Besprechung des schnelleren Christopf Salzig auf dem One-to-Blog … und freue mich auf Eure Kommentare!

One Response to “m2 92: Die Spielregeln der Social Networks”

  1. Natalie Hoffmann Says:

    Ganz meine Meinung. Abend war ok, nur Twitter und Vodafone irgendwie omnipräsent und leicht überbetont. Schöner Beitrag.

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