Wann ist mobil mobil?

09. Oktober 2008 von Dr. Anja Rau

m2 Mobile Internet im Cocoon ClubGestern Abend fand ein sehr chilliger und networking-freundlicher 82. MedienMittwoch im frankfurter Cocoon Club statt. Auch wenn der ansonsten exzellente und sehr unterhaltsame Moderator Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache, Bel étage, Gotorio) anscheinend eine Unke gefrühstückt hatte und als Erstes das Ambiente beklagte. Tobias Kirchhofer konnte diesen Monat mal wieder ein Internet-Thema platzieren, das dank der durchaus provozierenden Frageform des Moderators auch leidlich kontrovers diskutiert wurde: “Mobile Internet - auf der Überholspur oder nur zu hohe Drehzahlen im ersten Gang?” Ich fasse mal zusammen:

Burkhard Leimbrock, Director Vodafone MediaSolutions war da und hat Vodafone als den Player positioniert, der das mobile Internet nach Deutschland gebracht hat und mehrstellige Summen investiert, um die deutschen Mediennutzer über das mobile Internet aufzuklären (mit hochwertigen TV-Spots vor allem). Leimbrock sieht heute Nutzerzahlen von über 10 Mio., projiziert 25 Mio. in 2012 und ist sich sicher, dass Menschen auf dem Handy auch Werbung gern anschauen. Das wären rund 30% der deutschen Bevölkerung.

Andererseits waren im Club nur junge, aufstrebende Medienschaffende versammelt, von denen sich auf die Frage, wer denn mobil ins Netz gehe, selbst nur rund 30% gemeldet haben (10% mit iPhone, zwei oder drei mit dem Blacky). Der Tenor des Abends war zwar, dass sich das mobile Internet in einem Bruchteil der Zeit etabliert, die das “klassische” Internet gebraucht hat. Aber wenn schon die beruflichen und Fachnutzer schwächeln …

Medienmittwoch 08.10.2008Dirk Kraus war da, CEO der YOC AG (”Ein Unternehmen, das Sie wahrscheinlich nicht kennen”, so Thomas Knüwer, darum hier mal der Link: YOC) und präsentierte sich als europaweit tätiger Vermarkter mobiler Werbeflächen, der diese Flächen auch selbst herstellt. (Das finde ich persönlich nun recht kritisch, wo schon das “klassische Internet” den Weg des Privat-TV geht, den Content nur noch nach seiner Eignung als Werbeträger auswählt und der Werbeträger selbst kaum noch vom Werbemittel zu unterscheiden ist. Wer soll sich denn das alles anschauen wollen?)

Marco Zingler, CEO der Agentur denkwerk sieht Mobile dagegen nur als einen Kanal unter vielen - aber eben auch nur als das.

Michael Neidhöfer, CEO des mobile Software Herstellers Netbiscuits sprach von der hohen Akzeptanz von Publisher-Angeboten wie Bild Mobil und der Schwierigkeit, den Menschen verständlich zu machen, dass das Internet jetzt auch im Handy ist.

Auch Olav A. Waschkies von Pixelpark präsentierte sich als geläuterter Saulus, der nach frühen Frustrationserlebnissen die Qualitäten von mobile als einem Marketing-Kanal anerkennt.

Interessanterweise wurde den ganzen Abend nur einmal - und das aus dem Publikum - nach dem Mehrwert des mobilen Internet gefragt. Da kam vom Podium ehrlich gesagt recht wenig. OK, eBay, Lufthansa Check-in, Bild. (Man sollte dazu sagen, dass das Publikum darüber hinaus aber nur die Preisstruktur und -höhe thematisiert hat.)

Insgesamt herrschte auf dem Podium Einigkeit darüber, dass es heute darum geht, wie man das Internet für mobile Endgeräte anpassen muss, um das mobile Internet noch erfolgreicher zu machen. Es ging um Client-Sniffer, WAP-Formate und (!!) um für die mobile Nutzungssituation angepasste Contents. Nun waren die Podiumteilnehmer alle vom Fach und verfügen über die Daten, nach denen ich mir die Finger lecken würde …

… trotzdem glaube ich, wenn die Diskussion so geführt wird, geht sie am Thema vorbei. Den meisten Menschen ist es wahrscheinlich egal, ob das, worauf sie mit ihren Handys und Smartphones zugreifen können, das Internet ist oder ein mobiles Internet oder irgendein Datenservice, der zufällig mit dem Internetprotokoll übertragen wird. Die meisten Menschen wissen nicht, ob ihr Rechner gerade online ist oder offline, was der Unterschied zwischen Webmail und einem Webclient ist, ob ihr DSL nun übers Festnetz oder das Telefon über das DSL oder wie oder was kommt und was gar am Ende eine Homezone ist. Das interessiert nur die Telko-Anbieter und darum sind auch die Tarife so komplex.

Die Menschen interessieren sich für die Inhalte und die Funktionen. Alles andere ist weitgehend sekundär. Es mag durchaus sein, dass das Medien-(oder Geräte-)nutzungsverhalten am mobilen Endgerät anders ist als zu Hause am PC, wie zum Beispiel Kraus und Neidhöfer betont haben. Aber wo ist denn da die Henne und wo das Ei? Funktioniert mobil nur Handy-artige Hardware oder wird das mobile Nutzungsverhalten, das wir heute beobachten können, einfach von der verfügbaren Hardware bestimmt? Macht es Sinn, Darbietungsformen auf Hardwarerestriktionen zuzuschneiden, die nächstes Jahr schon nicht mehr marktfähig sind, bloß weil aktuell verfügbare Alternativen noch nicht jedermanns Geschmack sind? (Wenn ich mir allerdings anschaue, wer an einem beliebigen Samstag in einem beliebigen Elektrofachhandel begehrlich nach den ausgestellten iPhones greift, bezweifle ich auch, dass das Nutzungserlebnis wirklich so arg durchfällt, wie Dirk Kraus das beschreibt.) Zumal die Messlatte für die Darstellung von “klassischen” Internet-Inhalten immer noch von Browsern und inzwischen recht großen Monitoren gelegt wird. Gar die Inhalte auf eine vermutete, von der Hardware diktierte Nutzungssituation zusammenzukürzen, wie Olav A. Waschkies das vorschlägt, halte ich für riskant.

Und wer bestimmt letztlich, welche Nutzungssituation die mobile ist? Ich verbringe sagen wir mal gut die Hälfte meiner wachen Zeit in der Agentur, der Rechner mit meinen privaten Daten steht zu Hause. Und es kommt oft genug vor, dass der Rechner daheim ausbleibt und ich auch zu Hause nur mit dem iPhone surfe. Wo bin ich stationär, wo bin ich mobil? Bin ich überhaupt noch stationär, wenn ich auch zu Hause (oder auf der Arbeit) nur noch mit einem Laptop unterwegs bin? Wie klein darf der Bildschirm werden, bevor das Endgerät “nur” ein mobiles ist und abgespeckte Inhalte erfordert? Was ist mit Internetcafes, die vertretbare Monitore, aber doch nur einen eingeschränkten Funktionsumfang bieten?

Wer das mobile Internet heute an Hardware festmacht, hat, da bin ich sicher, morgen genauso viele Probleme wie der, der seine wichtigen Daten fest in einem sperrige Gehäuse verbaut hat, das irgendwo unter einem Schreibtisch steht.

3 Responses to “Wann ist mobil mobil?”

  1. Gerald Hensel Says:

    Ich fands alles in allem recht enttäuschend. Dabei der für mich inhaltliche Tiefpunkt: Die Antwort auf die Frage, ob man noch für mobile Endgeräte angepasste Seiten braucht in Zeiten, in denen man auf dem iPhone auch das normale Internet gut benutzen könnte. Antwort: Ja, weil das ja im iPhone nicht usabel wäre. *Gelächter* Und das aus gerechnet von Herrn Kraus, der die mobile Applikation von Xing so schlecht umgesetzt hat, dass man kaum das Original noch erkennt.

  2. Martin Kliehm Says:

    Xing auf dem iPhone ist unter anderem darum so schlecht “usable”, weil das Team von Herrn Kraus durch mehrmalige Weiterleitung die ursprüngliche URL ruiniert, weil sich die Suchmaske als Layer über die Seite legt, leider ohne Suchfeld oder Submit-Button, und weil neue Inhalte grundsätzlich in Layern aufgehen statt in neuen Seiten. So viel zum Thema “Back-Button”. Furchtbares User Interface, das offenbar nie richtig mit iPhones getestet wurde.

    Amüsant fand ich auch die Aussage von Herrn Leimbrock, der reguläre Tarif von 19 Cent für 10 KB sei doch OK. Schon mal nachgemessen? Allein diese Seite mit mageren 106 KB kostet Sie demnach 2,09 Euro - nicht wirklich ein Schnäppchen. Ich denke, durch die Datenflatrates wird sich in Deutschland recht schnell etwas ändern. Durch wirklich günstige und transparente Tarife gewinnt man Kunden, darum ist z.B. die Videotelefonie in Italien längst gängig. Auch die Online-Rechnung ist zu komplex - warum nicht einfach eine SMS senden, wenn 90% des Daten-Kontingents aufgebraucht sind?

  3. Jose Schwien Says:

    Ich habe gerade ganz brauchbare Tipps zu online Auktionen entdeckt, auf der Seite vom Auktionstexter (einfach mal googelen).

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