Ist Design Luxus?
10. Mai 2006 von Martin KliehmLeider ist es mir gestern nicht gelungen, ins WLAN der Messe zu gelangen, darum möchte ich auch gar nicht den Anschein erwecken, dies wäre live gebloggt. Aber ich habe offline mitgetippt. Wenn es auch schwer war, den Fokus zu bewahren, weil ständig irgendjemand vor mir stand und den Blickkontakt zu den Rednern verwehrte. Einen Salut an die Podcast-Hörer, die dieses Schicksal teilen.
Wir sahen fünf Protagonisten, in der Reihenfolge ihres Erscheinens:
- Andrej Kupetz, Geschäftsführer des German Design Councils, eloquenter Moderator.
- Jan Teunen, Schöngeist und Unternehmensberater, mit Fliege.
- Barbara Friedrich, Chefredakteurin von „A&W Architektur und Wohnen“.
- Nils Holger Moormann, detailverliebter Minimalist, Möbelbauer und Tüftler mit eigener Designkollektion
- Christian Gärtner, Vorstand der Stylepark AG (klingt sehr nach Web 1.0 DotCom), der die gastgebende Messe „Design Annual“ konzipierte. Designerbrille, schüttere, gegelte Haare, eine sehr stylische Website, deren Nutzungsbedingungen mir vermitteln wollen, ich hätte mit der bloßen Ansicht einer Lizenz zugestimmt.
Um es vorwegzunehmen: Natürlich ist Design als Luxus notwendig. Was hatten Sie erwartet, wenn fünf design-orientierte Menschen auf einer Design-Messe diskutieren? Das Podium war gut besetzt, aber vielleicht hätte ein Aldi- oder MediaMarkt-Chef dort etwas mehr Pfeffer hereingebracht.
Jan Teunens Keynote war ein Plädoyer für Design, und für den Luxus des Designs. Am Beispiel einer Rose präsentierte er die Schönheit und die Selbstheilungskräfte der Natur, welche die Kultur nicht habe. Damit verknüpfte er sogleich die Umsicht der Messe Frankfurt, sich bisweilen selbst neu zu erfinden, etwa mit der gastgebenden Messe „Design Annual“.
Am Morgen wurde er am Fuß, seiner „Kulturbasis“, operiert und trug daher eine Krücke, deren designerische Qualitäten (Ergonomie, fröhlich-gelbe Farbgebung) er neben der Funktionalität hervorhob. Ein Luxus für ihn, denn er hätte auch auf einem Bein hinken können.
Gleichfalls betrachtet er Stühle als Luxus, denn man könne schließlich auch stehen. Das erhöhte Sitzen mache den Menschen den Göttern gleich und solle zu Höherem geleiten. Damit betonte er aber auch die Philosophie frühzeitlicher Handwerker, aus der Natur, dem Bereich der Götter entnommene Werkstoffe nur mit größtem Respekt zu verändern. Design ist für ihn darum auch Ethik. Ein Versuch, die erste Natur des Menschen, den Kosmos, mit der zweiten, der Dingwelt, poetisch in Einklang zu bringen. Die Produkte sollen motivieren, anregen, inspirieren und nachhaltig sein. Eine ästhetische wie auch funktionelle Perspektive haben. Gutes Design sei bescheiden, leise, denn an lauten Dingen sehe man sich schnell satt. Es füge sich gut ins Ambiente ein, sei langlebig, ethisch, umweltverträglich zu entsorgen und stamme aus Unternehmen mit ausgeprägter Unternehmenskultur. Nachhaltigkeit, die Einheit von Gedanke, Wort, Tat und Dingen, auch gegenüber seinen Mitarbeitern. Konsumenten seien kritischer geworden, darum müßten Unternehmen transparent und authentisch sein. Produkten, die diese Kriterien nicht erfüllten, solle man ein „Design“ absprechen.
Luxus ist nach seinem Wörterbuch „nutzlos“ oder „verschwenderisch“. Damit sei Design kein Luxus, obgleich es natürlich nutzloses und verschwenderisches Design in der Mehrzahl gibt, wenn auch seiner Meinung nach nicht auf dieser Messe. Luxus sei aber Qualität und damit das Gegenteil von Verschwendung. Luxus sei das, was Menschen gut tue. Darauf zu verzichten könne sich die Menschheit nicht leisten. Noch im Mittelalter betrachteten Schwangere schöne Dinge, um schöne Kinder hervorzubringen. Oder mit Joseph Brodsky: „Du bist, womit du dich umgibst und betrachtest“.
Tja, eine schöne Rede zu populären Themen, auch wenn ein Kollege treffend bemerkte, sie sei etwas beliebig gewesen, und Teunen hätte sie auch auf einer Automobilausstellung halten können (was er wahrscheinlich auch tut).
In der ersten Fragerunde konfrontierte der Moderator Teunen mit seinem Landsmann Rem Kohlhaas, der in seiner architektonischen Arbeit für den Luxuskonzern Prada vor dem Hintergrund des wachsenden Luxusmarktes versuchte, einen neuen Luxusbegriff zu definieren als „Dinge zu verschwenden“ – „waste of space“ in seiner Architektur. Jan Teunen hält weder von räumlicher als auch materieller Verschwendung etwas und ist darum mit seinem Landsmann nicht einverstanden. Sprach der Mann, der seit 1977 auf einem Schloß im Rheingau wohnt…
Barbara Friedrich widerspricht, denn Luxus sei nicht Verschwendung. Teunen sei darum quasi luxiert, verdreht. Für einen ihr bekannten Hotelier leite sich Luxus aus Lux, das Licht, ab, denn in seiner Küche würden nur Produkte verwendet, die im Lichte der Region gewachsen seien. Für ihr Magazin sei Luxus nicht Verschwendung oder oberflächlich, sondern Qualität, Besonderheit, und das fände sie toll.
Meiner Meinung nach ist diese Definition etwas verdreht, denn sie versucht, Luxus die negative Konnotation abzusprechen. Luxus, wie er in diesem Kreise beschrieben wurde, grenzt teilweise an Dekadenz: Auf dieser Messe finden sich Möbel, die so viel kosten wie ein Kleinwagen. Wenn sich manche diese Möbel einfach so leisten können, ist das nicht unmoralisch? Und wenn die anderen Menschen auf Luxusartikel sparen, so tun sie das doch erst in ihrer Eigenschaft als Konsumenten. Man wird aber nicht als Konsument geboren, Konsumverlangen wird antrainiert. Ist das nötig, um mich „mit schönen Dingen zu umgeben und im Einklang mit meiner ersten Natur zu leben“? Ich meine nicht.
Nils Holger Moormann zeigte sich zerrissen zwischen Spartanität und Luxus. Luxus ist für ihn, wenn ihm etwas wert ist. Der bodenständige Möbeldesigner mit dem leicht schwäbischen Dialekt ist derzeit in einer Bastelphase. Neulich im Baumarkt beeindruckte ihn eine Dekupiersäge mit ihrem mächtig großen Karton, Gewicht und daß sie „mordsmäßig billig“ war. Zuhause mußte er feststellen, daß es dafür keine Ersatzteile mehr gibt, und auf seine Beschwerde sagte ihm ein Baumarkts-Mitarbeiter ins Gesicht, er sei selbst schuld, wenn er sich nicht informiere, denn dann sei ihm das Gerät nichts wert. Luxus sei normalerweise etwas, was man sich nicht leisten könne. Man beschäftige sich dann damit, stelle Fragen. Doch in diesem Moment entwickle man eine Beziehung zu dem Produkt, die Produkte begännen zu sprechen, und damit wäre es kein Luxus mehr, weil sie die richtigen wären.
Aus unternehmerischer Sicht ist für ihn Luxus, sich auch auf etwas einzulassen, was kommerziell zunächst nicht zur Gewinnmaximierung beiträgt. Träumen, Dinge entwickeln, die neu sind, noch nicht für Märkte zugeschnitten.
Christian Gärtner verneint die Frage, ob seine Messe eine Luxusmesse im herkömmlichen Sinne sei. Im Sinne von verschwenderischer Vielfalt an kulturellen, freundschaftlichen und emotionalen Bezügen sei es aber schon eine Luxusmesse. Erst im kulturellen Kontext zu beispielsweise der Architektur von Toyo Ito oder dem Grafik-Design von Peter Saville ergäbe sich die Möglichkeit, das Design zu erfahren und sich selbst erklären zu lassen. Europa und Frankfurt im Herzen von Europa sei dort privilegiert. Sie wollen damit auch Übersetzungshilfe leisten für Design, vermitteln. Barbara Friedrich ergänzt, daß Design auf der einen Seite stigmatisiert sei als überteuert, intellektuell, ungemütlich. Am oberen Ende der Skala im Feuilleton sei Design aber so alltäglich, daß kaum mehr darüber berichtet würde.
Kupetz bezeichnet den Begriff Design als verbraucht und fragt Teunen, ob man einen neuen Begriff finden müsse. Teunen plädiert dafür, einen besseren Zugang zu schaffen, Geschmack auszubilden, anhand dessen man sich Qualitätskriterien zum Beispiel bei der Auswahl einer Kaffeekanne bilden könne. Friedrich ergänzt, Geschmack und Gestaltung sei nicht eine Definition von minimalistischem Bauhausstil, auch in nicht Lifestyle-Magazin konformer Einrichtung könne Geschmack und Stilempfinden zu finden sein. Teunen zitiert Beus, wonach Menschen nie zuvor so degeneriert und unglücklich gewohnt hätten wie heute und sieht darin einen Lehrauftrag. Ansetzen müsse man in den Unternehmen als größte Macht.
Die Antithese von Luxus, „Geiz ist geil“, hätte etwas mit Egoismus zu tun, und wir wären noch mittendrin. Friedrich kritisiert Dumpingpreise und fragt am Beispiel von günstigen DVD-Playern und Sony, wozu Arbeiter noch etwas produzieren sollten, wenn man damit absurderweise keine Gewinne machen könne. Ihre Großmutter hätte immer gesagt „was nichts kostet, ist nichts wert“. Sie hielte es mit ihrer Großmutter und ginge zur Beratung in ihren Buchladen, der wisse, was sie lese, im Gegensatz zu Amazon.
Oje, oje. Die Frau sollte einmal bei Amazon einkaufen, denn deren Engine weiß viel besser als ihr Buchhändler, was sie liest. Und die Rezensionen beraten sie umfassender, als das ein Buchhändler, der nicht alles in seinem Sortiment gelesen haben kann, je leisten können wird. Sony hingegen scheiterte an seiner anachronistischen japanischen Hierarchie, an wirtschaftlichen Fehlentscheidungen, proprietären Formaten wie ATRAC3 und verschlafener Innovation seit den Tagen des Walkman.
Letztlich sind diese Firmen selbst an ihrem Untergang schuld. Ich hatte einen 150 € teuren, sehr durchgestylten DVD-Player von Philips, der pünktlich nach Ablauf der Garantiezeit seinen Geist aufgab. Ebenso mein Siemens-Handy. Beides wird aber günstig in China produziert. Warum bezahle ich dann noch so viel für einen Haufen Plastikschrott?
Ich habe auch den Eindruck, Frau Friedrich ist noch nicht im sozialen, kollaborativen 21. Jahrhundert angekommen. Natürlich stelle ich in einem gewissen Umfang mein Wissen und meine Arbeit kostenlos zur Verfügung, denn andere machen das auch, und davon profitiere ich mehr, als wenn ich mein Wissen für mich behielte. Und man muß sich auch die generelle Frage stellen, ob nicht unser stetes Gewinnstreben absurd und pervers ist. Warum kann ich es nicht zufrieden sein, daß meine Arbeiter qualitativ hochwertige Produkte herstellen, und sie und ich können gut davon leben? Nachhaltigkeit, von der Jan Teunen gesprochen hat, kann auch bedeuten, von Zeit zu Zeit einen Schritt zurückzutreten und selbst den Kapitalismus zu hinterfragen.
Moormann hat das schon mehr begriffen, wenn er sich fragen lassen muß, warum „diese drei Bretter“ jetzt so viel kosten sollen. Konsumenten hätten Fragen, und diese würden ihnen die Kunden quasi in die Arme spülen. Er sieht seine Herausforderung darin, die Kosten transparent zu machen und möchte nur Verbraucher, die diese Fragen stellen – als Partner, nicht als Konsumenten. Recht so!
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So, das sollte nun genügend kontroverser Stoff für die Kuschelrunde gewesen sein, also ran an die Kommentare! Wie ist Ihre Meinung?
20. Juni 2006 at 14:57
Vielen Dank für den Podcast und ausführlichen Bericht zur Veranstaltung. So kann man sich informieren auch wenn man an dem Tag nicht anwesend sein konnte.